Deutsche Gründlichkeit und Umweltschutz im 17. Jh.

Am 29. Juli 1696 erhalten Valentin Triebel, Schultheiß von Vesser, und Hans Adam Triebel die Erlaubnis zum Bau und Betrieb einer Schneidemühle unter den Schmelzhütten in der Nähe von Vesser [4].

Der Vertrag

Die notwendige Freigabe des zuständigen Amtes war keinesfalls eine leichtsinnige Entscheidung. Mit dem Jägermeister und Oberforstmeister wurden die Begebenheiten vor Ort besprochen („ … deßwegen Erkundigung eingezogen, sowohl auch die Beschaffenheit und Zustandt der Wälder überleget worden.“) und das Controlling (Rentmeister) hat wahrscheinlich die Preise festgelegt.

Schließlich wurde ein Vertrag mit den folgenden Eckpunkten erarbeitet:

  1. Die Baugenehmigung wird an der Ruppbach Mündung erteilt („allwo das Ruppacher und Veßer Waßer zusammen kommet“).
  2. Das jährliche Ruppbach-Vesser-Wasser-Abo („Erb- und Wasserzins“) kostet drei Gulden, „Obschon diese Mühle beständig Waßer zu haben nicht vermuthet wird“.
  3. Der Bau muss mit recyceltem Holz ausgeführt werden („Die benöthigte Dielbäume werden ihnen vornemlich aus Windbrüchen und wandelbahrem Holze, …., angewiesen“).
  4. Bei Vermietung oder Verkauf ganz oder tageweise muss eine Provision gezahlt werden („ … das gewöhnliche Handlohn, von 100 – 5. fl. in die Amts Voigthey abzurichten“).
  5. Die genehmigende Stelle bekommt – wie immer – Vorzugspreise („ … gnädigster Herrschafft … , gleich andern Schneidemühlen, umb billichen Preys zu schneiden, und zu überlaßen.“).
  6. Es ist weder erlaubt schwarz zu fischen noch die Fischbestände zu gefährden („Keiner Fischweide sollen sich die Gewercken des Orths zu gebrauchen unterfangen, auch die Sägenspähne also schütten laßen, daß sie nicht ans Waßer kommen, noch dadurch die Fischweide verderben.“).
Unterschriften und Siegel (Quelle: LASA [4])

Der Vertrag wurde im Namen des fürstlich Sächsisch-Naumburgischen geheimen Rates von den beteiligten Amtsmännern sowie von Valentin und Hans Triebel unterschrieben und besiegelt.

320 Jahre altes Holz?

Bei einem Besuch in Vesser im Sommer 2019 ging ich vor Ort auf Spurensuche, da nach zu diesem Zeitpunkt aktueller Papierlage nichts über diese Schneidemühle herauszufinden war. Wurde sie tatsächlich gebaut? Wie lange war sie in Betrieb, zumal schon vor 320 Jahren zu wenig Wasser vermutet wurde? Der beschauliche Ort im Biosphärenreservat schien zunächst unscheinbar und ohne besondere Anzeichen auf ein Handwerks-Denkmal. Bei genauerem Hinsehen konnte ich jedoch zwei Artefakte entdecken: Eine ungewöhnlich gerade Uferkante und ein Holzbalkenstück mit großen Nägeln.

Ruppach Vesser Schneidemühle
Ruppach Vesser Schneidemühle
Ruppach Vesser Schneidemühle
Ruppach Vesser Mündung
Die Mündung von Vesser und Ruppbach sowie Teile der Schneidemühle? (A. Triebel, Juli 2019)

Sind die geraden Kanten der Ufersteine das Ergebnis menschlicher Bearbeitung? Vielleicht Reste eines Mühlbeckens oder eines Fundamentes? Ist der Balken tatsächlich Teil der Mühle gewesen oder nur im 19. Jahrhundert von einem Pferdewagen gefallen? Für mein Laienauge sieht es so aus, als wären die Nägel handgeschmiedet. Es gibt keine geraden Kanten – alles ist unregelmäßig. Die Unterlegscheiben habe viele kleine Dellen – das könnten doch Hammerabdrücke sein, oder?

Neue Erkenntnisse – 275 Jahre altes Holz!

Nach weiterer Literaturrecherche bin ich Anfang 2020 sicher, dass die Schneidemühle gebaut wurde und auch lange in Betrieb war:

  • Sie wurde 1742 im Dokument zur Verlegung des Eisenhammers erwähnt [58].
  • Im Steuermatrikel beginnend im Jahr 1754 wird sie ebenfalls erwähnt und scheinbar auch noch im Jahr 1805 vererbt [7].

Weiterhin habe ich nach Anfragen bei Dendrochronologen herausgefunden, dass eine Datierung ab 50 Jahresringen grundsätzlich möglich ist – je nach Art und Zustand des Holzes. Daher war ein weiterer Besuch des Ortes notwendig, um den Holzbalken für eine mögliche Datierung zu sichern. Beim Besuch Anfang März 2020 ergaben sich weitere Zusammenhänge.

Der Fundort des Balkens war wahrscheinlich nicht der Standort der Mühle, denn Regenfälle der Vortage hatten die beiden Flüsschen recht bissig werden lassen. Ein Gebäude wäre vermutlich nur höher gelegen sinnvoll gewesen. Jedoch traue ich den beiden Flüsschen nun zu, den Holzbalken ohne Probleme über eine gewisse Strecke transportiert zu haben. Der Zustand des Balkens war sehr schlecht – es war kaum möglich eine Scheibe für die Datierung zuzusägen. Das lässt jedoch auch auf ein gewisses Alter schließen. Ich konnte mit dem bloßem Auge nur ca. 40 Ringe zählen. Mal sehen, ob eine Datierung möglich ist.

Die Ergebnisse der dendrochronologischen Untersuchung liegen nun vor: Es handelt sich um Tannenholz bei dem 42 Ringe gezählt worden konnten. Der innerste gemessene Ring konnte auf 1745 datiert werden – der äußerste Ring auf nach 1786 [59]. Da die Waldkannte nicht mehr vorhanden war, kann nicht genauer gesagt werden, wann der Baum gefällt wurde. Da zu dieser Zeit jedoch die Bäume saftfrisch verarbeitet wurden und nur wenig abgebeilt wurde, ist es wahrscheinlich, dass der Baum nur sehr wenige Jahre nach 1786 gefällt wurde. Insofern konnte diese Holz nicht für die Erbauung der Schneidemühle 1696 verwendet worden sein. GGf. wurde es für spätere Ausbesserungen oder Erweiterungen genutzt, da die Mühle noch mindestens bis mindestens 1805 Bestand hatte [7].

Danke

Vielen Dank an das Landesarchiv Sachsen-Anhalt (LASA, Standort Wernigerode) für das Bereitstellen der Akten, an die Sütterlinstube Hamburg e.V. für die Unterstüzung bei der Transkribierung und an die SG Denkmalschutz Suhl, dem ThLfDA für die Freigabe den Holzbalken für eine mögliche Datierung entnehmen zu dürfen und natürlich dem „DAI“ in Berlin für die Datierung!

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.